Mittwoch, 18. Mai 2016

Drei Wochen Istanbul - Eindrücke

Seit etwas mehr als drei Wochen kann ich Istanbul nun meine neuen Wohnsitz nennen, für heimatliche Gefühle wäre es noch etwas verfrüht. Dennoch habe ich in diesen 15 Tagen schon einges gelernt, viel erlebt und allem voran auf die unterschiedlichste Art und Weise Bekanntschaft mit den Differenzen zum deutschen Alltag gemacht. Als Expat und Europäer kann ich sagen: hier in Asien läuft der Hase in viellerlei Hinsicht anders, allerdings scheint Istanbul eine völlig eigenständige Dynamik innezuhalten.

1. Deutsche Pünktlichkeit - Jeder ist in Eile
Auf meinen täglichen Wegen zur Arbeit hetzen die meisten Menschen an mir vorbei, zählen ihre Münzen ab und kaufen sich bei Ihrem Simitci des Vertrauens noch schnell einen Sesamkringl, den Simit, den es hier für Schlappe 1 TL zu kaufen gibt. Sie sind in Eile, telefonieren dabei hochstwahrscheinlich mit der Familie, vielleicht einer Freundin, aber die meisten müssen sich beeilen, denn die Fähren verlassen erstaunlich püntlich den Hafen von Kadiköy, um zu anderen Stadteilen auf der europäischen Seite der Stadt aufzubrechen. Ich hingegen schlendere am Ufer entlang, genieße die morgendlichen Sonnenstrahlen, trinke meinen Tee aus meinem Starbucksbecher und bin ganz dem deutschen Stereotypen viel zu früh. Meine Kollegin wird es in ein paar Minuten eintreffen, wenn sie die Fähre auf der anderen Seite des Bosporus nicht verpasst hat. Bleibt mir noch genug Zeit auf einer Parkbank platzzunehmen und die Leute zu beobachten.

2. Kraneberger - Luxus, den man schätzen lernt
Erst letztes Jahr nach Micheles und meiner großen Wanderung des Jakobsweges hatte ich mich an stilles Wasser gewöhnt und es bis zu einem gewissen Grad sogar lieben gelernt. Das Wasser mit Kohlensäure - das gute Sprudel - nicht in jedem Land so beliebt und selbstverständlich ist wie bei uns, hatte ich schließlich schon in Neuseeland gelernt. Hier hingegen bleibt die einfachste Quelle zum Stillen des Durstes aber leicht verwehrt. Das gute Kraneberger ist nicht zum Trinken geeignet. Die einen sagen, man sollte es besser auch nicht zum Kochen verwenden oder abgekocht genießen, nichtsdestotrotz fehlt die Unabhängigkeit. Ohne Wasser, kein morgentdlicher Tee, ohne Wasser kein Essen. Zum Glück haben Geschäftsleute erkannt, dass dafür eine Lösung her muss, weswegen in jeder Küche - sei es auf der Arbeit oder in den eigenen vier Wänden - ein 19 Liter Pumpspender steht. Mit einem einfachen Telefonat kann man diesen direkt in die Wohnung liefern lassen, was den Transport ungemein erleichtert. Wer möchte gerne dieses Gewicht selbst in den vierten Stock tragen? Ich sicherlich nicht. Das machen dann die Männer, die bis zu vier dieser Kanister auf ihrem Mofa mit waghalsigen Manövern durch Istanbuls kleine Gassen bucksieren.

3. Menschen - Viel. Immer. Überall.
Das in Istanbul rund 14 Millionen Einwohner leben, liest sich überall; man sieht es aber auch. Die Straßen, die Gassen, die Busse: Überall ist es voll. Zu jeder Zeit sind unglaublich viele von ihnen unterwegs. Auch nachts, man ist praktisch nie allein, denn zu jeder Uhrzeit gehen Menschen zur Arbeit, kommen von der Arbeit oder gehen anderlei Dingen nach. Die Menge ist dabei i.d.R. mit verkaufsoffenen Sonntagen in den deutschen Innenstädten zu vergleichen. Tummelnde Menschenansammlungen in den Einkaufsgassen, wartende und vorallem ganze Scharen über rotlaufender Menschen sind hier keine Ausnahme. Hat ein erster eine Lücke im dichten Verkehr Istanbuls entdeckt, folgen ihm sogleich einige nach und sind es genug, kommen die Kraftfahrzeuge trotz grüner Welle nicht vorbei.

 4. Tastatur - Nicht alles im Türkischen besteht aus ü und ö
Für mich eine der anstrengendsten und immer wieder verwirrenden technischen Geräte hier in der Türkei, ist die türkische Tastatur. Grundsätzlich ähnelt sie der deutschen bis zu einem gewissen Grad und der Wechsel zwischen 'Z' und 'Y' ist mir bereits durch die englische Tastatur nicht mehr fremd. Dennoch ist es verblüffend, wie schwierig sich der Wechsel einzelner essentieller Dinge wie dem '.' auf den gesamten Schreibfluss auswirkt. Anstelle des Punktes befindet sich auf der türkischen Tastatur zusätzlich das 'tsche', also das 'c' mit Haken. Dieser gesamte Bereich der Tastatur ist ordentlich durchgewürfelt, sodass sich meine rechte Hand regelmäßig verirrt. Insbesondere beim Schreiben deutscher E-Mails ist der Wechsel zwischen den beiden 'is' ein Problem. Das i mit Punkt und das ohne muss ich beide nutzen, da unser großes 'I' im türkischen ein anderer Buchstabe ist (da ohne Punkt). Durch die regelmäßige Nutzung auf der Arbeit hat sich die Umstellung der Z-Y Tasten bei mir bereits so gut eingeprägt, dass ich nun hier an meinem deutschen Laptop mit Schwierigkeiten zu kämpfen habe.

5. Verkehr
Wer in Istanbul freiwillig Auto fährt, dem gebührt mein Respekt. Von Rechts-vor-Links oder ähnlichen Regeln scheint hier noch nie jemand etwas gehört zu haben. Klar strukturierte Fahrbahnen? Ach, wieso denn? Hier drängelt man sich in die Spur, biegt ab, versucht links und rechts zu überholen, nur um schneller zu sein als die anderen. Der Grund für dieses Verhalten liegt auf der Hand: Istanbuls Verkehr ist eine Katastrophe. Während der Rush Hour kann es  Stunden dauern von einem Fleck zum anderen zu kommen. Ein Unfall kann einen Herzinfakt auslösen, Strecken sind für ganze Zeiträume blockiert. Auch die vermeintliche Abkürzung kann sich im Verlauf der Fahrt als Irrtum herausstellen, da das Navigationssystem nie weiß, wo mal wieder eine Straße gesperrt wurde und welcher Weg bereits wieder frei gegeben wurde. Neben dem Verkehr ist auch die Parksituation nicht wirklich besser. Parkplätze am Straßenrand sind im Verlgeich zur Menge der Fahrzeuge rahr gesäht, Parkhäuser versprühen hier auch ihren ganz eigenen Charm.


Drei Wochen bzw. 15 Tage kommen mir bereits wie eine kleine Ewigkeit vor. Ich gelobe von nun an Besserung und mehr Einblicke in mein Leben am Bosporus
  

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